Pakse und die 4000 Inseln – oder der „Been there Don Det – Looping the Loop“ Blog

Mit dem Nachtbus geht es von Vientiane nach Pakse. Im Bett. Könnte schlimmer sein, denkt ihr euch. Ich kann euch sagen: Ihr habt noch nie ein Einzelbett mit Bernhard geteilt. Falls doch, wisst ihr wovon ich rede. Morgens kommen wir also in Pakse an. Die Stadt hat nicht wirklich viel zu bieten, wir sind hauptsächlich wegen einem hier: dem Bolaven Plateau. Pakse ist nämlich ein guter Ausgangspunkt für sagenumwobenen „ Loop“. Darunter versteht man hier eine mehrtägige Ausfahrt mit dem Roller. Von einem Tag bis zu einer Woche, es gibt die unterschiedlichsten Varianten. Wir halten uns das ganze erstmal offen, aber begeben uns auf Hotel und anschließend auf Rollersuche. Und finden beides. Am Abend soll es noch einen kurzen Informationsabend geben, bevor wir am nächsten Tag aufbrechen werden. Den restlichen Tag verbringen wir gechillt. Es geht zum größten Markt von Laos und als unsere Geschmacks- und Geruchsnerven abgesättigt und unser Magen gefüllt sind, war‘s das dann auch schon.

 

 

Auch mal ganz nett, wenn einem quasi die Sachen zum Anschauen ausgehen und man gezwungen wird, nichts zu tun. Auch der Tag ist aber schnell um und am nächsten Tag holen wir unseren Scooter und düsen los. Unser erster Übernachtungspunkt wird Tad Lo sein. Auf dem Weg dorthin gibt es aber einiges zu sehen. Immer wieder treffen wir Gleichgesinnte. Der Loop hat es einigen Leuten angetan. Unsere erste Station ist Mr. Viengs Kaffeeplanage. Wie jetzt, Kaffee aus Laos? Jap. Ein steigender Bedarf übrigens. Man hört immer nur aus Kaffee aus Indonesien, oder aus Süd- und Zentralamerika, aber auch hier im restlichen Südostasien passen Klima und Bodenbeschaffenheit gut für den Anbau. Ich weine den Tagen aus Mexico nach: Als wir doch tatsächlich mehr Auswahl an Kakao hatten als an Kaffee.

 

 

So oft wie wir aber mittlerweile auf Kaffeeplantagen unterwegs sind, bekomme ich beim Trinken zumindest keine Gänsehaut mehr. Man gewöhnt sich ja bekanntlich an alles. Die Kaffeefarm hier ist organisch und auch Geräte gibt es hier nicht wirklich viele. Die Schalen werden noch durch Stampfen entfernt. Harte Arbeit also. Neben Kaffee wird hier auch alles mögliche andere angeboten- Obst, Maniok und auch Tabak. Ebenfalls organisch und der neueste Renner, meint Mr. Vieng. Auf dem Weg zum Moped sticht mich irgendwas und es brennt höllisch, aber kann man jetzt auch nichts machen. Wir kommen in Tad Lo an und suchen uns eine Bleibe für die Nacht. Ein kleiner Bungalow direkt am Fluss, wir haben schon schlimmere Aussichten gehabt. Ihr dürft euch das aber nicht zu luxuriös vorstellen. Strom gibt es hier nur abends und das Wasser in der Gemeinschaftsdusche ist kalt und das Klo natürlich ein Plumpsklo. Meine Rolle Klopapier hat übrigens immer noch einen großen Stellenwert bei mir und hat mir mittlerweile schon aus mehreren Patschen geholfen als Bernhard 😉

 

 

Den Nachmittag erkunden wir die nähere Umgebung. Auf dem Weg zum ersten Wasserfall/Aussichtspunkt (dank chinesischem Investor wird das Wasser hier aufgestaut) sehen wir mitten auf der Straße eine Kobra. Kein Scherz, wir haben es beide mit eigenen Augen gesehen und wir sind uns noch nie so einig gewesen. Da ist uns beiden das Herz in die Hose gerutscht. Beim dritten Wasserfall warten wir dann auf die „Show“. Zugegebenermaßen mit einem schlechten Bauchgefühl. Täglich werden hier die beiden Elefanten des Resorts im Fluss gewaschen, pünktlich auf die Minute. Und die Zahl der Touristen steigt auch, die sich mit Bier in der Hand in Lauerposition befinden. Wir sind etwas enttäuscht, dass hier immer noch Elefantenreiten angeboten wird und noch dazu mit ELEFANENSATTEL, deren Striemen Spuren auf den Elefanen zurückgelassen haben. Den Touristen- übrigens die meisten davon Backpacker und in unserem Alter- scheint das egal zu sein, sie sind mehr damit beschäftigt im Nachhinein den Elefanten streicheln zu wollen. Der Besitzer scheint ein etwas älterer Amerikaner zu sein, der sich selbst für cooler hält als er eigentlich ist. Ja, den Elefanten könnte es vermutlich schlechter gehen, aber mal ehrlich: Den Elefanten könnte es auch viel besser gehen. Als eine Touristin fragt, ob es den Elefanten denn gar nicht störe von allen angegriffen und gestreichelt zu werden meint der Ami nur: „Dann wär sie ja nicht hier. Mal ehrlich, könntest du einen 5 Tonnen schweren Koloss daran hindern das Weite zu suchen?“. Dass die Touristen hier aber jede Menge Bananen anbieten und die Elefanten seit sie Babies sind konditioniert werden, scheint man hier zu vergessen. Mit einem komischen Gefühl gehen wir schlussendlich zurück in die Unterkunft, essen zu abend und schmeißen uns ins Bett.

 

 

Am nächsten Tag geht es früh raus und wir verabschieden uns herzlich von unseren Gästehausbesitzern und deren Kinder. Und dem Hausschwein. Unsere nächste Station ist der sagenumwogene Mister Hook. Nein, nicht Captain Hook, Mister Hook, obwohl er sich manchmal zum Captain ernennt 🙂 Ok, die Geschichte wird jetzt lang. Wer also keine Zeit oder Lust hat, scrollt weiter nach unten. Ihr verpasst aber das Beste, lasst euch das gesagt sein.

Mr. Hook wohnt nämlich in einem der letzten indigenen Dörfer von Laos. Auch wenn selbst in diesen Dörfern Neuerungen eintreten, so sind diese doch noch weit von allem entfernt, was wir als die moderne Welt bezeichnen. Wir kommen also dort an und werden von Mr. Hook persönlich begrüßt. Er spricht gut englisch. Und bietet uns erstmal seine riesige Wasserpfeife aus Bambusrohr an. Wir meinen, wir rauchen nicht und er lacht und meint, in seinem Dorf hier ist es üblich, dass die Kinder schon mit 3 Jahren mit dem Rauchen beginnen. Äh, was? Ich frage nochmal nach, nur um sicherzugehen, aber wir haben uns nicht verhört. Wir starten unsere Kaffeetour mit ein paar wenigen anderen Touristen die den Weg hierher gefunden haben. Ich habe noch nie in meinem Leben einen Menschen getroffen, der derartig viel über Kaffee bzw. seine Arbeit weiß und gelernt hat. Mr. Hook lächelt aber, denn eigentlich war er damals einfach nur zu faul für die eigentliche Arbeit und hat deshalb beschlossen zur Schule zu gehen.

 

 

Er gilt als das schwarze Schaf seines Dorfes, als der Dorftrottel sozusagen. Englisch spricht hier niemand außer ihm, vermutlich ist das auch der Grund, warum er uns so einen echten und authentischen Einblick in das Dorfleben geben kann. Das Dorf hat etwa 730 Einwohner, die gemeinsam in 14 Häusern leben. Die Menchen praktizieren Animismus, eine Religion die sich viel mit Glück und Unglück, Geistern und spirituellen Dingen befasst, einen eigenen Kalender besitzt und ziemlich autark lebt. Erst seit ein paar Jahren gibt es Elektrizität. Die Menschen, so wie Mr. Hook selbst, wissen nicht, wann sie genau geboren worden sind. Er selbst hat Unglück über sein Dorf gebracht und mehrmals gegen die Regeln seines Stammes verstoßen, darf seine eigenen Bekannten und Verwandten nicht mehr in deren Häusern besuchen und muss abgesehen von seinem eigenen Haus mit den Hunden am Boden schlafen. Das erklärt auch, warum er also hier Touristen herumführt: Es ist ihm alles schon egal, er will nur etwas Geld verdienen, um seinen eigenen Kindern ein besseres Leben bieten zu können. Alle Weißen hier sind übrigens automatisch Franzosen und nicht zu trauen. Unsere Hautfarbe haben wir aufgrund der vielen Milch, die wir trinken, und wir sind größer, weil wir normalen Reis und nicht Klebereis essen. Blond werden wir, weil unser Wasser anders zusammengesetzt ist und das die Erde eine Scheibe ist, ist ja wohl klar. 

Wir dürfen hier nichts berühren, keine Häuser, keine Pflanzen gar nichts, da wir sonst Unglück über das Dorf bringen. Fotos, vor allem von den älteren Menschen, sollen wir auch nicht machen, da diese glauben wir fangen ihre Seele ein.

Selbst als Mr. Hook, der als einziger hier ein Handy besitzt, Satellitenbilder der Erde herzeigt, lachen ihn die Leute im Dorf aus. Die Erde ist doch nicht blau, sondern grün! Schau dich um, überall nur grüne Reisfelder! Er erzählt uns viele dieser Anekdoten, für uns lustige, aber vor allem unglaubliche Geschichten. Ich frage ihn, warum er denn wieder hier im Dorf ist, wenn er sich doch mit der Religion und den Sitten seines Dorfes nicht identifizieren kann. Er sieht mich an und meint, dass sei eine lange Geschichte: Er lebt in in der Stadt und lernt dort, doch seine Eltern wollten in verheiraten, er konnte das aber noch abwenden, indem er seinen Bruder und beim zweiten Mal seinen Cousin überreden konnte, stattdessen die Ehe einzugehen. Irgendwann erfährt er jedoch, dass seine Großmutter bald sterben soll und tritt die Heimreise an, nur um zu erkennen, dass er reingelegt worden ist und heiraten muss. Er macht mit seinen Eltern einen Deal: Nach der Heirat darf er zurück in die Stadt. Das passiert dann aber nicht. Nach dem ersten Kind versprechen sie ihm. Dann nach der Namensfindung der Tochter (das kann sich übrigens bis zu 5 Jahre hinziehen). Was genau passiert ist, wissen wir nicht, er ist jedenfalls heute wieder in seinem Dorf. Mit Frau und vier Kindern. Schwer nachzuvollziehen für uns mit unseren Erste-Welt-Problemen.

Eine Kuriosität folgt der nächsten und wir können das Alles gar nicht wirklich verarbeiten. Kinder im Dorf werden mit 8 bis 9 Jahren verheiratet. Das Mädchen gehört dann dem Mann bzw. dessen Familie. Es kann schonmal vorkommen, dass der Mann 50-60 Jahre älter ist oder sogar mit Schwestern verheiratet wird. Hat der Mann Geld, kann er nämlich durchaus 5 oder 6 Frauen heiraten. Die arbeiten dann für ihn in der Landwirtschaft, natürlich alles ohne Maschinen, er managed quasi den Alltag. Bernhard fragt, was das für seine eigene 9-jährige Tochter bedeutet. Mr. Hook meint, dass er sie nicht verheiraten wird, denn sie soll zur Schule gehen und eine Ausbildung erhalten und das ginge nur, wenn sie nicht jemand anderem „gehöre“. Mit 13 werden viele schwanger. Wenn die Geburt einsetzt müssen die Frauen in den Wald auf den Friedhof gehen und dort das Kind gebären und warten, bis der Schamane des Dorfes den Zutritt wieder bewilligt, meist nach ein paar Wochen. Doch selbst dann muss die Frau noch die Frage beantworten, ob es sich um ein „gutes“ Baby handle. Laut Mr. Hook beantworten alle Frauen diese Frage mit Ja und das Baby darf behalten werden. Wenn ich Bernhard bei jeder Geschichte einen Seitenblick zuwerfe, komme ich aus dem schielen nicht mehr raus. Frauen, die bei der Geburt sterben, werden über drei Tage unterschiedlich tief stehend begraben, stirbt ein Familienmitglied eines unnatürlichen Todes muss die ganze Familie fünf Jahre im Wald leben. Tatsächlich zeigt er uns auch ein leerstehendes Gebäude. In knapp zwei Jahren darf die Familie aber schon wieder zurück. Wir hören von Opfergaben. Hundebabies, die zu speziellen Ritualen zu Tode getreten werden, jeder im Dorf „muss“ einmal ran, ansonsten bedeutet es wieder mal Unglück für alle. Man ist geschockt, verstört und hin und wieder etwas angewidert. Wir können nicht begreifen, wie sich das Leben hier abspielt, inmitten der großen Welt, kaum zwei Stunden entfernt von einer großen Stadt. In mir stauen sich viele Fragen auf, die ich mir selbst bis heute nicht beantworten kann. Warum wollen die Menschen nicht mehr vom Leben? Sind sie glücklich? Warum geben wir uns nicht mit einfachen Dingen zufrieden? Und wie soll mein eigenes Leben ausschauen? Fragen, auf die ich keine Antwort habe, auch jetzt ein paar Wochen später nicht. Aus der einstündigen Tour werden schlussendlich also drei Stunden. Eine Frage führt zur nächsten.

Wir schaffen es dann irgendwann auf unseren Scooter und fahren mit gemischten Gefühlen weiter. Es hat zu regnen begonnen. Wir entscheiden uns um und biegen für den kleinen Loop ab. Unsere Stimmungslage und das Wetter haben uns die Entscheidung nicht allzu schwer gemacht. Wir genießen die Fahrt auf dem Scooter trotzdem. Hin und wieder ein kurzer Regenschauer, wir machen trotzdem gut Kilometer. Wir sind aber spät dran. Wir lassen das Mittagessen aus und fahren stattdessen zu einigen Wasserfällen. Zwillingswasserfälle, Wasserfälle umgeben von Regenbögen, tosende Wassermassen. Selbst die Sonne zeigt sich immer im richtigen Moment. Kilometer für Kilometer auf dem Scooter bis uns unter Hintern so wehtut, dass wir uns freuen, endlich absteigen zu können.

 

 

Mein Mückenstich wird nicht gerade besser. Rot, geschwollen und riesengroß sind noch die positivsten Attribute um das Ungetüm zu beschreiben. In meinem Kopf haben sich Spinnen eingenistet (die Einstichstelle schaut so komisch aus 😉), eine Schlange könnte mich erwischt haben oder ein Zombiemoskito. Bernhard macht sich fast mehr Sorgen als ich. Der Stich ist heiß, es juckt und es pulsiert. Obwohl in Pakse die medizinische Versorgung bei weitem besser ist, spiele ich es etwas runter und wir machen uns auf den Weg zu den 4000 Islands, Laos Antwort auf Sonne, Strand und Meer. Per Boot lassen wir uns nach Don Det bringen und begeben uns auf Unterkunftssuche. Mit unseren Rucksäcken in der Mittagssonne eine ganz schöne Aufgabe. Und wer radelt dann an uns vorbei? Chris! Er und Rachel sind ebenfalls gerade angekommen und suchen eine Bleibe. Das Schicksal! Zu viert finden wir dann schließlich etwas.

 

 

Und irgendwann ist es soweit: Mein Stich gehört untersucht. Wir haben gehört, dass es auf der Nachbarinsel eine medizinische Versorgungsstelle gibt, mieten uns Räder und machen uns auf den Weg. Dort angekommen stehen wir erstmal 2 Minuten davor und debatieren, ob wir da reingehen sollen oder nicht, wir sind uns nicht ganz sicher, ob man sich dort drinnen nicht mehr holen kann als man eh schon hat. Die ganze Diskutiererei war umsonst, der Doktor ist nämlich scheinbar auf Mittagspause, hat nur vergessen abzusperren. Okay gut. Wir sind eh auch hungrig. Und lernen dann gleich mal Lektion 1 auf den 4000 Islands: Alles dauert hier etwas länger. Eineinhalb Stunden später stehen wir dann wieder beim Arzt. Zumindest glauben wir, dass der gute Herr der Dorfarzt ist. Erwartet hätten wir ja eher einen ausländischen Aussteiger, nicht den Tuktukfahrer/Bootsfahrer/Gästehausvermieter/Mechaniker von nebenan. Mit dem Englisch hat er es auch nicht so, aber irgendwann versteht er dann meine pantomimische Darstellung eines Moskitos und schaut sich meinen Stich an. Ich zeige ihm, dass er immer größer wird. Er meint, ich soll eine Salbe raufgeben, ich meine, deswegen bin ich hier, er meint sowas hat er glaubt er nicht, geht aber trotzdem mal schauen. Lächelnd bestätigt er, nein hat er nicht mehr. Glaube ich zumindest. Wie gesagt, lächeln, nicken, Pantomime. Ich schaue in fragend an. Er meint nur „Okay. Okay. In Laos this is fine“. Na dann! Wenn das in Laos okay ist, warum mach ich mir dann also überhaupt noch Gedanken. Bernhard meint, in diesem Fall sei sogar der Stein am Kopf hilfreicher gewesen. Ich finde, zumindest trägt die Geschichte zur Unterhaltung bei. Wir fahren wieder zurück, immerhin haben wir die Insel gesehen. Die nächsten Tage erkunden wir per Räder die Insel, genießen traumhafte Sonnenuntergänge, haben wieder gute Gesellschaft und genießen unsere Hängematte, Wasserfälle, das Plantschen im Fluss, ja das Leben könnte schlimmer sein.

 

 

Wir gewöhnen uns (fast) daran, auf jegliches Essen eine Stunde lang warten zu müssen. Abends regnet es meistens in Strömen und wir waten zu viert und mit einer Taschenlampe barfuß über die Insel bis wir auf die Unterwäsche nass sind, werden von riesigen Heuschrecken angegriffen und machen es wie die Einheimischen hier und nehmen das Leben einfach leicht. Wir vier buchen uns zum Abschluss einen Kanuausflug. Die wohl schlechteste Tour unseres Lebens. Zu viele Leute, zu wenig kajaken, geändertes Programm, schlechtes Essen und viel Warterei. Eine Kombination die Bernhard zur Weißglut treibt und mich resignieren lässt. Zumindest die Irrawaddy Delfine haben wir gesehen. Aber nur kurz. Grund genug, um einen weiteren Versuch zu starten- dazu dann beim nächsten Mal mehr.

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