Sucre und La Paz – der “Gondeln ohne Schnee?”-Blog

Wenn euch Leute fragen, was euer wertvollster Besitz ist, was sagt ihr dann? Euer Auto, der Computer vielleicht? Möglicherweise auch etwas mit sentimentalem Wert? Nun, wenn man auf reisen ist, dann relativiert sich alles. Und wenn mich im Moment jemand danach fragt dann lautet die Antwort ganz klar: Meine Rolle Klopapier.
Ja im Ernst. Nicht, dass einem so etwas ans Herz wächst, und ja, das eine oder andere Mal haben wir die auch mitgehen lassen, aber glaubt mir, wir sind einfach so verwöhnt. Also hier gibt’s kein Klopapier auf den Klo’s. Nicht im Hostel, nicht im Cafe, und wir alle wissen, dass auf öffentlichen Toiletten Klopapier sowieso mehr ein Mythos ist. Auch mit dem Wasser haben die es hier nicht so und drum gibt’s statt Klobürste meistens einen Pümpel (laut Bernhard ist das das richtige Wort, aber so sicher bin ich mir da nicht).

Abgesehen vom Klopapier haben wir aber eine Menge erlebt. Fangen wir mal von vorne an. Nach Potosí geht’s erstmal nach Sucre, der Hauptstadt von Bolivien. Man nennt sie auch die weiße Stadt und es stimmt, sauber ist es hier. Und weiß. Wir genießen das Stadtleben, gehen in einige Museen, auf Märkte, Aussichtspunkte, sogar auf den Friedhof und genießen das Wetter.
Friedhöfe sind hier wirklich etwas anders als bei uns und da sich viele der Leute keine Gräber leisten können, werden die Leute hier quasi übereinander begraben. Diese – nennen wir sie mal Fenstergräber- werden meist für 10 Jahre vermietet, bevor der Verstorbene schlussendlich eingeäschert wird. Sieht aber sehr nett aus und die Leute geben sich jede Menge Mühe mit der Dekoration. Ich habe mich durchgefragt und erfahren, dass viele Menschen glauben, dass die Toten zurückkommen- in welcher Art und Weise auch immer- und deshalb werden ihnen auch Sachen mitgegeben, die die Reise erleichtern sollen. Von Alkohol, über Softdrinks, Kaffee und auch Spielzeug haben wir wirklich alles gesehen.
Auch sonst genießen wir die Zeit hier. Es nämlich warm. Oder wärmer zumindest, die Daunenjacke kann auf jeden Fall mal im Rucksack bleiben.
Doch dann passiert’s: Und ich werde nochmal krank. Und zwar diesmal so richtig. Das ist die Rache für’s nicht ausruhen. Ich habe kurz Angst, dass es Malaria sein könnte, dank Mückenstich und wiederkehrendem Fieber. Hauptsächlich aber dank blödem Internet. Also wenn’s danach ginge müsste ich mittlerweile übrigens tot sein. Bin ich aber nicht, war doch nur eine starke Verkühlung inklusive Lebensmittelunverträglichkeit. Die Kombi zwingt mich aber in die Knie, und ich muss einen Tag aussetzen, während Bernhard nochmal die Stadt erkundet. Blöd nur, dass wir schon den Nachtbus nach La Paz gebucht haben. Tja, da gibt’s kein Zurück mehr. Und drum geht’s trotz Schüttelfrost, Fieber, Übelkeit und was weiß ich alles noch alles ab nach La Paz. Immerhin haben wir die Bettversion gebucht, und so ist es zumindest erträglicher- das versuche ich mir jedenfalls im Vorhinein einzureden. Bisher war meine schlimmste Reise ja immer der Flug von New York nach Hause, damals, in einer längst vergangenen Zeit (auch bekannt als 2010), als ich dank Blasenentzündung eine schreckliche Heimreise hatte. Nun, ich kann behaupten, diese Erfahrung getoppt zu haben. Scheisse war’s.
Scheinbar hab ich so mitleidenswert ausgesehen, dass eine bolivianische Oma sogar zu mir gekommen ist, um sich mit mir zu unterhalten und mich zu fragen, ob denn alles okay ist. Sie hat mich sogar beim Deckenkauf für den Bus beraten. So, musste mich also mal kurz mitteilen. Arm und so ;).

Da sind wir also nach 12 Stunden Busfahrt in La Paz. Da unser Hostel noch keine freien Zimmer hat, beschließen wir drei- wir sind im Moment für ein paar Tage mit Luis, einem Deutschen, den wir in der Uyuni-Wüste kennengelernt haben- erstmals die Stadt zu erkunden.
Uns gefällt was wir sehen und auch die nächsten Tage verbringen wir mit Stadtbesichtigungen, wir machen mal wieder eine dieser „Free Tours“, Essen oder Ausflügen ins nahe Umland. Scheinbar gilt man in Südamerika erst dann als vollständiges Touriland, wenn man ein Valle de la Luna besitzt. Etwa eine halbe Stunde mit dem Minibus stadtauswärts wartet die bolivianische Version davon auf uns.
Wir scheinen ein paar gute Tage erwischt zu haben, es findet die Nacht der Museen statt und die ganze Stadt ist in Aufruhr und wir mitten drinnen.
Am nächsten Tag sind wir ganz zufällig Zeugen einer Parade, bevor es schließlich nach El Alto geht, um den größten Flohmarkt Südamerikas zu besuchen. Wir haben viel darüber gelesen und so muss die Kamera mal wieder zu Hause bleiben, aber ehrlich gesagt, wir haben uns nicht ein einziges Mal unsicher gefühlt. La Ceja erstreckt sich auf über 10 km. Und mit der Zeit erkennen wir auch ein System- oder zumindest sowas in der Art. Es gibt die Bauabteilung, die Bekleidungsabteilung, die Autoabteilung (und ja man kann dort übrigens tatsächlich auch fahrtüchtige Autos erstehen), die Drogerieabteilung oder aber auch den Gebrauchtwarenmarkt. Wer unterwegs sein Handy oder die Kamera „verloren“ hat: die Chancen sind groß, sie hier wieder zu „finden“. Gegen Bares versteht sich. Ihr braucht einen Rollstuhl? Eine bestimmte Schraube? Kaputte Autorücklichter? Tja, ihr wisst wo ihr hinmüsst. Auf der anderen Seite hätte ich genug coole Sachen gesehen, um meine zukünftige Traumwohnung mit allerhand Industrialschmarrn auszustatten.
Der Markt ist schon schräg, die Gerüche sagen mir noch nicht so wirklich zu, in den letzten 4 Tagen musste ich mich quasi zum Essen zwingen. Und sogar Bernhard verzichtet mal auf die Straßenstand- Erfahrung. Aber keine Sorge, wir probieren trotzdem die unterschiedlichsten Sachen aus.
Die meiste Zeit wissen wir nicht, was wir gerade essen und schlagen uns mit Empfehlungen von Einheimischen durch, die uns meistens auch erklären wollen, was wir da gerade verputzen, aber irgendwie können wir uns die Namen einfach nicht merken. Vieles klingt nicht nur ähnlich, sondern schmeckt auch so. Rinderherzen am Spieß sind da eine gute Abwechslung zu Reis und Hühnchen. Wobei ich sogar das noch liebe.
Es gibt’s ja Seiten im Internet, die die bolivianische Küche loben. Tja, also wir essen ja wirklich ALLES. Aber unterschreiben können wir das nicht. Alles ist frittiert. Alles. Oder aus Kartoffeln.
Dafür gibt’s an jeder Straßenecke frisch gepressten Orangensaft, der mich auch auf den Beinen hält. In La Paz gibt es zum Glück Avocadosemmerl und Fruchtsäfte für umgerechnet nicht mal einen Euro, somit sind wir auch schon happy.
Auch dem Hexenmarkt statten wir einen Besuch ab, hier kann man alles kaufen, was das Herz begehrt, Llamaföten, Aphrodisiaka, Liebespulver oder auch das ein oder andere Mittelchen gegen Wehwechen. Haben wir nicht gekauft, denn so wie auch Cocablätter darf das alles nicht über die Grenze. Würde ich aber gerne sehen, wenn jemand versucht, das weiße Liebespulver über die Grenze zu schmuggeln („Nein, wirklich, dass ist kein Kokain, dass ist mein Liebespulver“). Das ist übrigens nicht nur touristischer Interesse zu begründen, sondern angeblich benutzen die Menschen hier das übrigens immer noch für die ein oder andere Opferung.
Apropo weißes Pulver. Wollten wir auch noch erwähnen. Das Gefängnis. Prinzipiell ein Gefängnis mit niedriger Sicherheitsstufe, ist das Ganze quasi eine Stadt in der Stadt. Das Gefängnis- eigentlich für 450 Personen, tatsächlich leben jedoch ganze Familien und deshalb in etwa 3000 Personen darin- wird von gerade mal 15 Wachen kontrolliert. Wie es dort drinnen zugeht? Tja, vor ein paar Jahren, als es noch tatsächlich Gefängnistouren gab (inoffiziell soll es die auch heute noch geben, wenn man am richtigen Ort, zum richtigen Zeitpunkt sitzt, aber die Schauergeschichten dazu… puh!) hätten wir euch vermutlich aus erster Hand davon erzählen können, aber auch so bekommt man so einiges mit. So gehen zum Beispiel Leute über die Dächer des Gefängnisses. Warum? Kokain. Dort wird nämlich der reinste „Zucker“ Boliviens vertrieben. Sowohl innerhalb des Gefängnisses, als auch außerhalb. Wer also in dieser Umgebung fliegende Pampers oder Orangen sieht, dem sei angeraten, sich nicht darum zu bücken. Die Gefangenen müssen übrigens für alles selbst aufkommen. Betten, Wasser, Essen. Wer Geld hat, lebt in den „guten Vierteln“, die die man nachts verschließen kann. Verrücktes Bolivien!

Aber das Beste an La Paz? Die Zebras! Und nein, wir reden hier nicht von echten Zebras sondern kostümierten Personen, die den Verkehr regeln, Leuten über die Straße helfen, Aufklärung betreiben was Müll und Recycling betrifft und generell einfach die Laune verbessern sollen. Gefällt uns!

Während sich Bernhard und Luis ein Fußballspiel ansehen, passe ich und ruhe mich lieber noch etwas aus. Denn am Montag steht das nächste Highlight an: Wir befahren die Death Road!

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1 Kommentar

  • Reply
    Karin Stanje
    May 26, 2017 at 20:22

    Melanie du Arme.
    Ich hoffe du wirst dich wieder gut erholen,und du kannst dann voll wieder den Trip genießen.
    Bernhard hat ja gar nichts von deiner Erkältung erwähnt. Typisch!
    Wieder einmal hab ich den Bericht verschlungen. Danke und ein großes Lob an dich Melanie.
    Du gibst dir immer so viel Mühe beim schreiben..
    Und die Fotos ,für mich wieder sehr ,beeindruckend.
    Passt weiterhin auf euch auf. Glg. 😁😉😊👍

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