Kratie und Phnom Penh – oder der „Kambodschas Schattenseite“ Blog

Kambodscha stand immer hoch oben auf meiner Liste. Und nicht nur wegen Angkor Wat. Unser erster Stop ist Kratie. Wir sind hier, um die Irrawaddy Delphine nochmals hautnah zu erleben. Also quasi bevor es sie nicht mehr gibt. Dank Megastaudämmen und den Chinesen. Ja, man kann es gar nicht oft genug erwähnen. Wie dem auch sei, in Kratie hat man die Möglichkeit, nochmal die lachenden Kerlchen, deren Kopf aussieht, als ob sie mehrere Male gegen die Wand gekracht wären, zu beobachten. Die Fahrt von Don Det nach Kratie verläuft einigermaßen unkompliziert. Per Reisebus geht es zur Grenze, wo der Busfahrer und Guide aufs Gröbste versuchen, alle Touristen dazu zu bewegen ihren Pass abzugeben und eine kleine Gebühr zu zahlen, damit der Busfahrer das Rechtliche erledigt. Tun wir vier und zwei andere aber nicht. Auch einige andere im Bus sind sich unsicher, beugen sich aber dann doch, als der Busfahrer meint, sicher nicht zu warten, falls wir länger auf der Grenze brauchen und so weiter und so fort. Er droht uns, unsere Rucksäcke rauszuwerfen und weiter zu fahren, aber wir lachen ihn einfach nur an und meinen freundlich, woher er denn wissen kann, welche Rucksäcke uns gehören. Da muss sogar der Busfahrer grinsen und meint nur „ja ja, beeilt euch“. Wir sind übrigens viel schneller als der Busfahrer, sparen nebenbei pro Person etwa 5 Euro und wie die anderen Touristen in ein Land einreisen können, ohne Foto und Fingerabdruck abgeben zu können, wenn sie es eigentlich müssten, sagt schon viel darüber aus, was hier alles so möglich ist. 

Wir steigen also wieder in unseren Bus ein und während sich die anderen ärgern, dass der Busfahrer mit ihren Pässen immer noch nicht da ist und sie übers Ohr gehauen wurden, gönnen wir uns erstmal ein kaltes Getränk. Einige Zeit später erreichen wir Kratie und wandern von Gästehaus zu Gästehaus. Niemand hat zwei Zimmer für uns. Ein Mann mit SUV bleibt neben uns stehen und bietet uns ein Zimmer an. Im wohl bekanntesten Hotel der Stadt, das bei weitem über unserem Budget liegt. Zu einem Spottpreis. Wir sind alle überrascht, aber steigen trotzdem ins Auto ein, wenn Bernhard auch etwas widerwillig, weil „das genau das ist, was man eben nicht machen sollte. In einem fremden Land, zu einem wildfremden Typen ins Auto einsteigen und nicht mal zu wissen, wo es hingeht.“ Recht hat er ja, aber wir sind zu viert und das Angebot klingt einfach zu gut. Und wie sich herausstellt, ein bisschen Naivität zahlt sich hin und wieder auch aus, wir bekommen die Zimmer für gerade mal ein Viertel.

 

Am nächsten Tag geht es dann endlich zu den Delfinen mit dem schwierigen Namen. Im Tuk-Tuk brechen wir morgens zu viert zur etwa 15 km außerhalb von Phnom Penh liegenden Bootsstelle auf. Dort kann man dann Boot samt Kapitän anheuern. Der bescheisst uns zwar etwas und wir sind nur eine knappe Stunde (ja, als wir darauf aufmerksam machen, dass es noch keine Stunde war, spricht unser Bootskapitän auf einmal kein Englisch mehr) auf dem Fluss herum und um uns herum tauchen sie immer wieder auf, die Delfine mit dem großen Kopf. Es hat sich also ausgezahlt, noch einen Zwischenstopp hier einzulegen.

 

 

Am Nachmittag geht es dann per Minivan nach Phnom Penh. Wir kommen aber nur mit Verspätung weg, denn wir weigern uns bei dem „Wieviele-Leute-passen-in-einen-Minivan“-Spiel mitzuspielen und bestehen darauf, dass wir „ganze“ Plätze gebucht haben. Der Busfahrer ist grantig, wir sind grantig, aber irgendwann geht es dann doch los. Bei jedem Stop fangen wir das Spiel wieder von vorne an, sind uns zwischendurch nicht einmal mehr sicher, ob wir noch in die richtige Richtung fahren und sitzen zu 16 im Minibus. Samt Mönch, den man ja nicht berühren soll. Wir schwitzen. Ich warte ja immer noch auf den Tag, an dem mein Körper sich endlich and die Südostasien-Verhältnisse angepasst hat, aber ich glaube, da fahren wir vorher wieder nach Hause. Also, immer noch zuviele Leute im Bus, aber zumindest wir Touristen haben jeder einen Platz. Und der Mönch. Wir sind fertig und KO als wir dann spät abends endlich in Phnom Penh ankommen. Weil in Kambodscha alles vor Ort günstiger zu sein scheint, haben wir auch hier nichts vorgebucht und müssen erstmal per Tuk-Tuk wieder verschiedene Hotels abklappern. Es dauert, aber irgendwann sind wir dann endlich im Zimmer. Nach solch einem Tag ist die Dusche das Beste, was einem passieren kann. Der nächste Tag soll anstrengend werden. Nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Bereits im Vorfeld habe ich mich gut vorbereitet, doch egal wieviel Recherche man betreibt, wieviele Bücher man liest oder Filme man sich ansieht. Man kann sich nicht darauf vorbereiten.

Wir reden hier vom Genozid in Kambodscha. Die Khmer Rouge und deren Schreckensherrschaft. Ich will hier gar nicht ins Detail gehen, wer Interesse hat, dem kann ich nur nahelegen, sich in das Thema weiter einzulesen. Wir mieten uns ein Tuk-Tuk samt Fahrer für den ganzen Tag. Erster Stopp sind die Killing Fields. Der Name lässt übles vermuten und tatsächlich wurden hier vor gar nicht allzu langer Zeit viele tausende Menschen ermordet. Jeder, der als Staatsfeind des Khmer Rouge Regimes gegolten hatte, wurde verfolgt, gefoltert und ermordet. Insgesamt wurden Millionen, etwa 25% der Bevölkerung während nur 4 Jahren umgebracht (1975 – 1979). Das erschreckendste daran für mich? Das Ganze ist in den 70er Jahren passiert, quasi vor den Augen der Welt und trotzdem scheint niemand etwas mitbekommen zu haben. Es ist für mich schwer zu glauben, dass der Rest der Welt davon nichts gewusst haben soll. Es ist für mich ebenfalls unbegreiflich, wie wir Menschen zu solchen Taten überhaupt fähig sind.

 

 

Es ist ein komisches Gefühl auf den Killing Fields zu stehen. Es ist friedlich hier, grün, man könnte fast meinen eine Parkanlage. Mit dem Audioguide laufen wir durch die Anlage. Hin und wieder sieht man ergriffene Gesichter, Tränen über die Wange laufen. Auch uns geht es im wahrsten Sinne des Wortes dreckig. Auf der anderen Seite sieht man Leute mit chipspäckchen herumlaufen, laut reden und scheinbar nur eine weitere Station auf ihrer Reisecheckliste abzuhaken. Man möchte sie aufrütteln. Ich bemühe mich, das alles hier zu verarbeiten, aber es geht nicht. Den anderen scheint es ähnlich zu gehen. Die Fahrt zurück nach Phnom Penh ist bei weitem ruhiger. Wir brauchen eine Pause. Nach dem Besuch des russischen Marktes gehen wir noch Mittagessen, bevor wir den nächsten traurigen Programmpunkt des Tages angehen. Der Besuch des S12-Gefängnis. Eine ehemalige Schule, die während dem Khmer Rouge Regime als Gefängnis verwendet wurde und von wo aus die Leute zu den Killing Fields überstellt wurden. Nur sieben Überlebende gibt es, einer davon sitzt Tag für Tag vor den Türen und verkauft seine Autobiographie. Wir beschließen einen Guide zu nehmen. Und uns wird allen das erste Mal bewusst, dass alle Menschen, die wir hier so im Alter unserer Eltern sehen dieses dunkle Ereignis in Kambodschas Geschichte miterlebt haben. So auch Mrs. May . Sie erzählt uns von ihren Geschwistern. Ihrem Bruder, der verhungert ist. Ihrer Schwester, die aufgrund von ihren Mangelerscheinungen verstorben ist. Von ihren eigenen Gefühlen als 10 Jährige, von Hunger aufgeblähten Bäuchen und aufgedunsenen Händen und Füßen. Von jahrelanger Arbeit auf Reisfeldern. Fehlender Ausbildung, Krankenversorgung und Sozialsystem. Sie erzählt Geschichten zu den Fotos an den Wänden, zeigt uns Gesichter und deren Hintergrund und wir alle sind geschockt, angewidert und zu Tränen gerührt. Wir fragen uns oft, ob die Menschen hier glücklich sind, mit der Art und Weise, wie sie leben, in einem der ärmsten Länder der Welt. Nach diesem Tag wird uns aber eines bewusst: Die Menschen hier sind einfach glücklich, am Leben zu sein, einem normalen Job nachgehen zu können, mit ihren Familien zu sein, eigene Entscheidungen treffen zu können und zu leben, lieben und lachen.

Es zählen die elementaren, wichtigen Dinge im Leben. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ein Lächeln hier Türen öffnet, warum immer glaubhaft zurück gelächelt wird, wenn ich jemanden anlächle. Also: mehr lächeln Leute. Es kann sogar einen absolut emotional ernüchternden, bedrückenden Tag.

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